Der Beginn des Weges
Als ich John zum ersten Mal begegnete, überraschte mich, dass er nicht wie ein Lehrer sprach. Er wollte nicht überzeugen, keine „richtigen“ Wege aufzeigen. Stattdessen stellte er Fragen und ließ Stille zu, damit Antworten reifen konnten. In einer lauten Welt war das unerwartet. Der Körper kam zur Ruhe. Begann zu lauschen. Und ich mit ihm.
Johns Weg war vielfältig: Theater, Psychologie, therapeutische Ansätze, bis hin zu Körperarbeit, Tantra und schamanischer Praxis. Seine Trainings weltweit trugen eine einzigartige Handschrift: die Verbindung uralter Weisheit mit einem zeitgenössischen Blick auf Beziehungen, Energie und Bewusstsein.
Was mich jedoch am meisten prägte, war nicht der Inhalt, sondern die Art. Er bot keine Techniken als sichere Anleitung an. Er bot Raum. Und Vertrauen, dass das Wesentliche bereits in uns liegt.
Tantra ohne Glanz
Das Tantra, das John verkörperte, war nicht auf Effekt ausgerichtet. Nicht auf Perfektion. Nicht auf Leistung. Er lehrte uns, zu sein. Im Körper. Im gegenwärtigen Moment. Zu fühlen, auch wenn es unbequem war. Zu berühren, auch wenn etwas in uns zögerte zu leben, ohne es sofort „reparieren“ zu müssen. Diese radikale Ehrlichkeit berührte mich tief. Er spielte keine Rolle. Trug keine Maske der „bewussten Person“. Er stand dort, wo er gerade war – manchmal zerbrochen, manchmal lebendig. Beides wahr.
Schamanismus als Rückkehr zur Einfachheit
Johns schamanische Arbeit war nicht weltfremd. Sie vermittelte nicht das Gefühl, wir müssten in die Berge gehen, um uns mit der Natur zu verbinden. Sie lehrte uns, den Körper als Landschaft wahrzunehmen. Den Atem wie den Wind zu hören. Emotionen als fließendes Wasser. Spannung als Zeichen des Feuers. Und Berührung als Präsenz der Erde. Es klingt einfach. Und vielleicht ist es gerade deshalb so schwer. Denn Einfachheit verlangt Mut.
Sexualität als Energiefluss, nicht als Ziel
In seiner Arbeit war Sexualität nicht vom Ganzen getrennt. Sie war eine natürliche Kraft, ein Strom, der Beziehungen, Kreativität und das Sein selbst belebt. Wenn er über Sexualität sprach, war da ruhige Präsenz. Kein Glanz, kein Druck. Nur ein Raum, in dem man wahrnehmen konnte, was man fühlt und was man braucht. Die schwierigen Teile haben mich weitergebracht. Sie halfen mir, mich selbst besser zu verstehen. Beziehungen. Grenzen. Und dass ein tiefes „Nein“ ebenso wichtig sein kann wie ein offenes „Ja“.
Eine Berührung, die verwandelt
John konnte einen sicheren Raum halten, auch wenn er nicht immer bequem war. Manchmal ging er bis zum Kern. Aber niemals ohne Respekt. Sein Ansatz beruhte nicht auf Autorität, sondern auf Vertrauen in die innere Weisheit jedes Menschen. Darin lag seine Kraft. Und vielleicht auch sein Humor, trocken, britisch und zugleich menschlich.
Der Körper bewahrt viele Erinnerungen. Eine der stärksten war der Moment, als das Massageteam für uns einen privaten Kreis schuf. Intim, roh und getragen von einer Aufrichtigkeit, die bleibt. Es war ein Geschenk. Und ich spüre es bis heute.
Zum Abschied – und weiter
John hat seine öffentliche Arbeit beendet. Seine Stimme ist leiser geworden, doch seine Lehre hat sich in die Körper der Menschen verteilt, die er berührt hat. In unsere Hände. In den Atem. In Worte. In Stille. Meine eigene Arbeit schöpft heute aus vielen Quellen. Doch er war es, der das Tor öffnete.
Ich muss ihn nicht idealisieren. Aber ich möchte danken. Denn manchmal spüren Menschen einen Einfluss, den sie nicht benennen konnten. Und erlauben sich, ihm zuzuhören. Er klang schon lange in ihnen.











